PHARMAKOS/N: EIN APPARAT PHARMAKON PHARMAKOS

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PHARMAKOS/N: EIN APPARAT | apparatus GbR Berlin | Pharmakon / Pharmakos | Melanie Jame Wolf | Pharmakofiction
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PHARMAKOS/N: EIN APPARAT | apparatus GbR Berlin | Pharmakon / Pharmakos | Ariel Efraim Ashbel and friends | Pharmakofiction | Rosh Hashanah
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Berlin, Heizhaus der Uferstudios, 1.-30. September 2017

Wer krank ist, besorgt sich was: menschliche Hilfe, institutionelle Unterstützung oder Substanzen. Pharmazie befasst sich mit Drogen, heilenden und giftigen. Wer müde ist von zu viel Wirklichkeit, geht vielleicht trippen auf Pilzen, nimmt den Zaubertrank der Ayahuasca, oder geht ins Theater. Pharmakon ist der altgriechische Name all dessen, Heilmittel, Gift, Zaubermittel. Pharmakos ist das Opfer, ein Sündenbock. Gerade noch zur selben Zeit, in der das Theater entstand, wurden im Süden Europas Menschen ritualisiert geopfert, präventiv oder wenn etwas schief ging. Damit blieb die gesellschaftliche Ordnung intakt. Heute befinden wir uns am Ende des Zeitalters des Menschen: Kybernetik und Robotik, Postkolonialismus, Queer Theory, New Materialism, Theorien und Praktiken dazu haben viele Namen. Vier Wochen lang feiern wir den Menschen als Sündenbock, als Pharmakos, der immer schon Pharmakon, also Gift und Heilung zugleich war. Dafür realisieren wir gemeinsam mit vier künstlerischen Positionen eine Elegie. In vier Wochen kommen vier Strophen der Elegie je donnerstags zur Aufführung. Am Dienstag ist Tag der Pharmakofictions: mit Lecture-Performances, Ritual und Gesprächen. Wir beginnen mit einem Opferfest, feiern Rosh Hashana und schließen mit einem ganz und gar nicht kirchlichen Erntedankfest. Mit Pharmakos/n beenden wir diese Serie an Apparaten, in die wir Sie einladen, gemeinsam mit uns Visionen wirklich werden zu lassen.

Wir haben 2014 mit einem Lob der Illusion begonnen, mit einer Hymne an Pilze und Mykorrhiza. Weiter ging es 2015 mit Resonanz, Resilienz und Persistenz von Materie, auch von Dingen, die wir herstellen und hinterlassen. „DRECK: EIN APPARAT“ war dirty und glamourous, ein unfreiwilliges Archiv und Manifest für ein ‚Neues Materialistisches Theater’. Beide Apparate handelten von Ökologien des Theaters, von der Aktivität von Materie, sei sie von Menschen gemacht oder nicht. Der dritte Apparat, den wir in der zweiten Jahreshälfte 2017 in den Berliner Uferstudios realisieren werden, widmet sich nun dem Menschen in seiner ambivalenten Position als Ding unter Dingen, als historischem Konstrukt des Humanismus, als säkularer Rest der ‚Krone der Schöpfung‘ und als Agent einer besseren Darstellung von Wirklichkeit. Wir nähern uns dem Menschen über die schillernde Figur des ‚Pharmakós‘ und der ambivalenten Bedeutung von ‚pharmakón‘. Im Sündenopfer des ‚Pharmakós‘ wird der Mensch zum ‚pharmakón‘. Wir befassen uns mit diesem Umschlagpunkt anhand der humanistischen Erzählung. Diese besingen wir in einer Elegie, feiern und verabschieden es und stiften so einen Raum für ein anderes Narrativ.

Wenn Realität eine Erfindung des Kapitalismus ist, dann brauchen wir Fiktionen als Pharmazie. Unser Pharmakon sind Pharmakofiktionen: Sechs Abende widmen wir Visionen, die wir gemeinsam wirklich werden lassen wollen. Sechs Mal suchen wir die Mittel, versammeln wir uns und suchen nach Folgen. Kann der Apparat eine Wunschmaschine sein?
Die letzten Tage der Menschheit haben längst begonnen. Michel Foucaults Wette aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, dass der Mensch verschwinden werde, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand, scheint gewonnen. Der Mensch, ohnehin ein exklusiver Begriff, der den weissen europäischen Mann meinte, verabschiedet sich im Post-Humanismus. Vielleicht ist das zeitgenössische Opfer des Menschen die Antwort auf viele Fragen, die noch nicht gestellt wurden? Wir stimmen ein Klagelied an und feiern den Pharmakos in vier Strophen.

Was ist Pharmakofiction?

ein Vortrag im Rahmen von PHARMAKOS/N: EIN APPARAT
von Georg Dickmann


Hier geht's zum kurzen Abstract auf Englisch

Großen Dank für die freundliche Einführung und vor allem vielen Dank für die Einladung hier an diesem wunderbaren Ort sprechen zu dürfen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es ein Kollektiv aus Künstler_Innen und Theoretiker_Innen gibt, das sich mit der Performanz von Materie im Kontext des Theaters auseinandersetzt – insbesondere mit Konzepten des `pharmakos bzw. pharmakon’, da es direkt mit meiner Arbeit verschränkt ist.

Heute werde ich jedoch nicht über das ‚pharmakos’ – im Sinne des Menschenopfers oder des Sündenbocks sprechen, sondern vielmehr über das ‚pharmakon’ als die Dialektik von Gift und Heilmittel. Als Dialektik weil das pharmakon einerseits toxisch, lähmend und letal, andererseits, in der richtigen Dosierung als ein Heilmittel und als therapeutisches Mittel fungiert. Wie es sich hier bereits anhand der begrifflichen Verwandtschaft von pharmakos und pharmakon und ihrer doch enormen Disparatheit ankündigt – wird es mir heute nicht ansatzweise gelingen diesen überaus vielseitigen Begriff zu erschöpfen. Im Anschluss an die Wirkungen und Nebenwirkungen, die dieser Begriff innerhalb diverser Disziplinen in den letzten 50 Jahren entfalten konnte und dadurch bereits eine große Karriere hinter sich gebracht hat, wird es mir nur in einer korrupten und unterschlagenden Weise möglich sein darüber zu sprechen. Unterschlagend deswegen, weil ich zwangsläufig von der enormen Reichweite dieses Phänomens wesentliche Aspekte abtragen und reduzieren muss.

Lassen sie mich also, in groben Strichen dieses toxische Feld das ich skizzieren möchte eröffnen, indem ich zunächst Gilles Deleuze zu Wort kommen lasse. In seiner kurzen jedoch enorm einflussreichen Studie „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ schreibt er man bräuchte keine Science Fiction, um sich einen Kontrollmechanismus vorzustellen, der – Zitat – "[…] in jedem Moment die Position eines Elements in einem offenen Milieu angibt, Tier in einem Reservat oder Mensch in einem Unternehmen. Es sei auch nicht nötig, um das „neue Monster“ der Kontrolle zu bezeichnen die außergewöhnlichen Pharmaerzeugnisse, die Nuklearformationen und die Genmanipulationen zu erwähnen, da sie aus der Zukunft kommend bereits jetzt die Gegenwart infiziert haben. Die biopolitischen Zukunftsfiktionen unterscheiden sich seines Erachtens kaum mehr von der gesellschaftlichen Realität und der Gegenwart der Kontrollgesellschaften. Ohne im einzelnen auf die Verschränkungen von Pharmakologie und Science Fiction einzugehen hat Deleuze durchaus eine richtige Intuition für die Verschränkungen von Fiktion und den aufkommenden Subjektivierungsweisen durch biotechnologische Verfahren. Deleuze sensibilisiert uns für die Fabulationen der Künste, die insbesondere innerhalb der Fantastik unsichtbare Kräfte sichtbar machen, welche dem gesellschaftlichen Bewussten entgehen. Die Literarische, filmische oder künstlerische Äußerung bekommt dadurch sowohl eine symptomatische als auch diagnostische Qualität. Als Teil der sozialen Sphäre – also als dasjenige was Castoriadis als das „kollektive Imaginäre“ von Kultur bezeichnet, drückt sich in der ästhetischen Äußerung nicht nur repräsentativ etwas aus, sondern das „kollektive Imaginäre“ wird dort erst verhandelt, diskursiviert und prognostiziert.

Der pharmakologisch- bzw. biotechnologisch informierten Science Fiction kommt dabei scheinbar heute eine besondere Stellung zu: Man erinnere sich nur an die seltsamen und ekelerregenden Flüssigkeiten H. P. Lovecrafts, die psychotropen Substanzen Philip K. Dicks, oder auch an die Wahrheitspille, die Viren und an die kleinen nicht-menschlichen Akteure aus Wachowskis „Matrix“. Insbesondere in der zeitgenössischen Science Fiction wimmelt es nur von prekären Stoffen und eigentümlichen Substanzen, die innerhalb der Erzählungen strategisch wichtige Schaltstellen besetzen und immer wieder als Übergänge zwischen Wirklichkeit und Virtualität, Traum und Realität, zwischen Be- und Entschleunigung fungieren.

So beschreibt Leif Randt in seinem 2015 erschienen Roman „Planet Magnon“ eine in Kupfer getauchte Welt – bestehend aus interplanetaren Kollektiven, die sich durch die Einnahme von jeweils zu ihrem Kollektiv passenden Substanzen und Drogen definieren. Die soziale Dystopie erzählt von einer ökonomisch und militärisch befriedeten Welt in der sich Gemeinschaften in Kollektiven organisieren, die keine Staats,- und Planetengrenzen mehr kennen. Marten Eliot, der Protagonist der Erzählung repräsentiert das Kollektiv der Dolfins. Als Anhänger der Postpragmatic Joy-Theorie zeichnen sich die Dolfins durch die Ambivalenz von Emphase und kalter Rationalität aus. Die scheinbare Widersprüchlichkeit von Rausch und Nüchternheit, von Pflichterfüllung und Zerstreuung soll durch sogenannte Celius-Übungen überwunden und in einen affirmativen Zustand überführt werden. Neben den meditativ-asketischen Übungen, gibt es kollektives Bewusstseinsdoping in Form von Klimatabletten oder dem Serolin – Substanzen, die die Subjekte entweder in einen Zustand der Freude versetzen, oder bei Überdosierung zu Panik und Ohnmacht führen können. Randt zeigt eine übersättigte und sedierte Wohlstandsgesellschaft, in der die narkotische Entfremdung allgegenwärtig ist und dadurch nahezu unbemerkt bleibt. Gesundheit, Fitness und emotionale Stabilität durch diverse Pharmaka sind dabei die primären Eigenschaften, die die Bewohner von Planet Magnon charakterisieren.

Auch Dietmar Daths Fiktionen kreisen immer wieder um kleine nahezu unsichtbare Substanzen, Teilchen oder Nanopartikel die den Gesellschaftskörper konstituieren. In „Die Abschaffung der Arten“ (2008) spekuliert Dath über eine nach-menschliche Gemeinschaft, deren Evolution nicht auf Spezies-Ebene stattfindet, sondern auf der Ebene der Mikrobiologie. Die Gattungsgrenzen können beliebig geöffnet werden und die Körper werden vor dem Hintergrund dieser Theorie flexibel und frei kombinierbar. Die Kommunikation der synthetisch hergestellten Wesen basiert auf ausgesendeten Duftstoffen. Das Pherinfon – ein Kompositum aus der kleinsten Lauteinheit „Phon“ dem Botenstoff „Pheromon“, der für die Informationsübertragung bei Tieren zuständig ist. Die Kommunikation der Gente folgt zwar der olfaktorischen Wahrnehmung der Tiere, ist jedoch wesentlich erweitert. Während Tiere mit Pheromonen nur innerhalb ihrer jeweiligen Art kommunizieren können, funktioniert Daths Pherinfonsystem ohne artenspezifische Begrenzungen. Diese und viele andere Substanzen sind der Quantenmechanik oder auch der Synthetischen Biologie entnommen.

Worauf ich hier also hinaus will ist, dass in Daths und Randts Romanen immer wieder weder Mensch noch Tier, noch Maschine im Zentrum stehen, sondern vielmehr mikroskopisch kleine Stoffe, die zwischen Ihnen zirkulieren, die unterschiedlichsten Entitäten beeinflussen, infiltrieren und erst herstellen.

Mein Ausgangspunt ist also die These (die auch keine originäre ist), dass in diesen und vielen weiteren Zukunftsfiktionen unsere biotechnologische Situation widerspiegelt bzw. darin imprägniert. Sowohl Dath als auch Randt beschreiben Körper, die nicht mehr in sich abgeschlossene und fixierte Entität, sondern als ein flexibler Code mit durchlässigen Grenzen, der biotechnologisch – aber vor allem pharmakologisch programmiert, re-programmiert und in Wert gesetzt werden können.

Die Gifte, Heilmittel und prekäre Substanzen der Science Fiction rufen damit zwangsläufig pharmakopolitische Fragen auf den Plan: was und wie wird mittels potenter oder nicht-potenter Substanzen regiert? Wie kommen Heilmittel und Gifte zum Einsatz? Welche biotechnologischen Körper sind tatsächlich möglich? Und vor allem: Wie werden vor diesem Hintergrund Kräfte und Gegenkräfte mobilisiert? Diesen Fragen möchte ich mich heute innerhalb eines kleinen Bereichs widmen.

Ich versuche heute also zwei Fluchtlinien des ‚pharmakons’ zu folgen. Die erste – wie hier schon angedeutet – ist eine biopolitische: also die Frage danach wie die Regierung des Lebens durch prekäre Substanzen organisiert, produziert und angeleitet wird. Und die zweite ist eine Linie, die den Bereich der Fiktion, der Imagination und der ästhetischen Praxis tangiert und danach fragt wie man auf die biotechnologischen Entwicklungen der Gegenwart und auf ihre Machteffekte – zu denen ich gleich kommen werde – mittels einer anderen, einer poetischen Praxis antworten kann, die als ein ästhetisches Gegen-Labor andere oder auch widerständige Materien kreieren kann.

Einer der radikalsten Versuche ein derartiges Gegen-Labor zu entwickeln und vor allem aus dem eigenen Körper eine „Pharmakofiktion“ zu machen – wird von Paul Beatrix Preciado unternommen – einem spanischen Philosophen und Queer-Theoretiker. In seinem Theorie-Roman ‚Testo Junkie’ verwebt Preciado soziologische Analyse, politische Kritik mit literarisch-dokumentierten Berichten über seine neun Monate andauernde Selbstvergiftung und Selbstverwandlung durch Testogel. Durch minimale Dosen von nicht ärztlich-verschriebenen Testosteron, dass von der Haut in den Blutkreislauf gelangt, beschreibt Preciado ihr/sein ‚Molekular-Werden’ und seine auf Dauer gestellte Transformation zu einem Körper der den Seinskategorien und den großen Trennungen von Mann/ Frau, Mensch/Maschine oder Tier zu entgleiten versucht. Preciado bezeichnet ihren transhumanen Körper als eine „somato-politische Fiktion“. Also einem pharmakologisch-durchdrungenen Cyborg-Körper der Medium bzw. Schnittstelle für Diskurse, Materien und – vor allem – für prekäre und prekarisierende Substanzen ist.

Laut Preciado kristallisiert sich zu Beginn der 60er Jahre im Zuge von biotechnologischen Modulationen ein neues techno-biologisches Subjekt heraus, das zunehmend durch pharmakologische Substanzen regiert wird oder auch in der Lage ist sich selbst zu regieren:

Wenn sich in der Disziplinargesellschaft das Verhältnis von Körper und Macht nach dem Modell von Architektur und Orthopädie verstehen lässt, dann ist dieses Modell in der pharmapornographischen Gesellschaft das der auf den Körper zielenden mikroprothetischen Operationen: die Macht wirkt durch ein Molekül, das sich in unser Immunsystem integriert. […] Moleküle werden wie Informationen in Hochgeschwindigkeit übertragen: das ist die Ära der weichen, leichten, flüssigen Technologien; gelatineartig, injizierbar, inhalierbar, inkorporierbar – […] Der Körper bewohnt nicht mehr den disziplinarischen Raum: er ist von ihm bewohnt, seine biomolekulare und organische Struktur ist der letzte Schlupfwinkel dieser biopolitischen Kontrollsysteme. Dieser Moment enthält all den Horror und Erregung des politischen Potentials des Körpers.
Paul B. Preciado: Testo Junkie. Sex, Drogen, Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie, Berlin 2016. S. 381

Preciados radikaler Versuch besteht darin aufzuzeigen, dass das zeitgenössische, das postfordistische System nicht mit Normalisierung, Disziplin oder harter Strafe operiert, sondern mit viel eleganteren, intimen und .nahezu unsichtbaren Mitteln, die Preciado mit dem Begriff des „Pharmakopornografischen Regimes“ belegt. Unsere ‚conditio humana’ sei einerseits (auf der biologischen Ebene) pharmakologisch und andererseits (auf der semiotischen Ebene) pornografisch bestimmt. Auch hier kann ich Preciados Argumente nur stark verkürzt wiedergeben und – obwohl die beiden Bereiche nur in ihrer Verschränkung zu denken sind – das Pornografische des ‚pharmakons’ aussparen, um mich auf die biopolitischen Aspekte zu konzentrieren.

Die Foucault’sche Vorstellung eines integralen Körpers des 18. Bzw. des frühen 19. Jahrhunderts, der von äußeren Machtstrukturen erfasst und modifiziert wird macht einer Form der Macht Platz, die sich heute wie (aber vor allem als) ein Molekül, eine Droge, ein Hormon oder als eine andere prekäre und auch prekarisierende Substanz an das einzelne und an das kollektive Immunsystem heftet und es von innen regiert: Das Panopticon als Pille.

Foucaults Panopticon – nur um es kurz in Erinnerung zu rufen – zeichnet sich durch eine besondere Architektur aus. Es ist konzentrisch und polygonal strukturiert: in der Mitte des Gefängnisses findet sich ein Aufseherturm, der abgedunkelt ist und um den Turm sind in einem Kreis einzelne Häftlingszellen angeordnet, die für den Aufseher maximale Sichtbarkeit ermöglichen. Die Inhaftierten sehen jedoch weder die Mitinhaftierte, noch den Aufseher. Es gibt in dieser Architektur einen zentralen Punkt – das Auge der Macht –, von dem aus ein Blick alle Vorgänge in dieser Disziplinierungsmaschinerie erfassen kann und wodurch die Delinquenten vollkommener Beobachtbarkeit unterworfen sind. Der Delinquent wird demnach nicht einfach weggesperrt, sondern gerät vielmehr zunehmend ins Licht der Kontrolle. Die permanente Sichtbarkeit auf der Seite der Überwachungsinstanz erzeugt eine Vielheit, während die Delinquenten parzelliert und vereinzelt werden. Dasselbe Prinzip gilt auch für die modernen Psychiatrien, Schulen, Fabriken und steht letztlich paradigmatisch für eine Form der Macht, die in alle Segmente der Gesellschaft durchsickert. Joseph Vogl spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Gesellschaft der Platzanweisung bzw. der Platzzuweisung in der jedes Individuum möglichst effizient „gebessert“ wird. Der machtpraktische Clou besteht also darin, dass die Inhaftierten, die Arbeiter, die Patienten, die Schüler_Innen mit einer beständigen Aufmerksamkeit durch Sichtkontakt rechnen müssen, auch ohne eine tatsächliche Anwesenheit des Beobachters. Durch die architektonische Anordnung dieses Gefängnismodells wird nach Foucault ein Agens der Macht überflüssig bzw. verschwindet.

In Abgrenzung zu Foucault versucht Preciado nun nachzuweisen, dass die panoptische Gesellschaft der Platzzuweisung, sowie die damit verbundene Herstellung von Subjektivität nicht über äußere und harte Architekturen wie das Gefängnis, sondern vielmehr über innerkörperliche und nahezu „post-optische“ Wirkungsweisen und Medien vollzogen werden.

Das worauf Preciados These abzielt ist ein Körper der nicht (makro)prothetisch erweitert, sondern (mikro)technologisch bzw. pharmakologisch durchdrungen ist. Es ist also nicht mehr das Gefängnis, das uns heute einsperrt, sondern kleine, flüssige „essbare Panoptiken“, die uns vielmehr freisetzen und aussetzen anstatt uns einzusperren. Der Begriff des ‚Lebens’ den Foucault ins Zentrum stellt sei laut Preciado heute vor dem Hintergrund der biotechnologischen Möglichkeiten selbst archaisch geworden. Es geht nicht mehr darum das Leben anzuleiten und zu maximieren, sondern um die Kontrolle über das Gesamte des miteinander verbundenen techno-Lebens. (Diesen Gedanken findet man auch bei Haraway, den sie mit Technobiomacht bezeichnet, oder William Burruoghs prognostiziert das mit dem Begriff der „soft machine“).

Unsere globale Ökonomie sei von der Produktion und Zirkulation riesiger Mengen synthetischer Steroide abhängig, von technisch transformierten Organen, Flüssigkeiten, wuchernden Zellen pornographischer Bilder, der Entwicklung und Verbreitung neuer legaler und illegaler synthetischer psychotroper Substanzen (Lexomil, Viagra, Speed, Ecstasy, Poppers, Heroin, Omeprazol…), von Zeichenströmen und digitalen Informationskreisläufen. Viren, Hormone, Stimmen, Bilder, Internet, Medikamente werden als Werte werden in die globale Erregungsmaschinerie integriert. Die Antibabypille bekommt eine besondere Provenienz in Preciados Untersuchungen. Sie ist vor dem Hintergrund der endokrinologischen Experimente des Kalten Krieges geradezu ein Paradebeispiel für die biopolitischen Effekte des pharmakopornografischen Regimes.

Preciado erinnert uns zu recht daran, dass die Pille die am meisten verwendete chemisch hergestellte Substanz in der Geschichte der Menschheit ist. Es braucht keine institutionelle Macht, um den Einzel-, bzw. den kollektiven Körper zu regieren, sondern alles geschieht in Eigenregie mittels Blick auf den Kalender, der das hormonelle Management und das Design des eigenen Körpers konstruiert. (und damit natürlich sexuelle oder nicht sexuelle Aktivitäten programmiert). Die Pille dient demnach also zum einen der Regulierung der Bevölkerung insgesamt bzw. der Normalisierung der individuellen Sexualität, die damit einhergeht binäre Geschlechtsmodelle zu reinstallieren und zum anderen öffnet die Pille einen Möglichkeitsraum der Befreiung und dem Ausgang aus hegemonialen Körpermodellen. Macht und Widerstand existieren somit auch bei Preciado auf einem immanenten Plateau und sind nur in ihrer Relationalität zu denken. Und so wie jede Subjektivierungsform erweist sich auch das „Pharmapornografische Regime“ als brüchig – und das lädt zum Widerstand ein. Die Kontrollformen des Pharmako-Regimes können somit gegenhegemonial und affirmativ in Anspruch genommen werden. Testo Junkie erschöpft sich nicht in sozialphilosophischen Analysen sondern ist – und darin liegt der performative Einsatz Preciados – ein Rezept und eine Gebrauchsanleitung für ein pharmakopolitisches Widerstandshandeln.

Die Affirmation dieser Machtkonstellationen besteht darin die Präparate und Substanzen in einer experimentellen Weise – und gegen den ärztlichen Rat zu benutzen, sie neu zu kodieren, um einen Shift des Regimes zu ermöglichen. Preciado reiht sich damit ganz bewusst in eine Reihe mit Selbstintoxikationen von berühmten Intellektuellen: Freuds Kokain, Benjamins Haschisch und Henri Michauxs Meskalin. Preciado entwickelt – und damit komme ich zum Schluss – mittels der Einnahme von niedrigdosiertem Testosteron eine Gegen-Übung zum vorherrschenden Regime – was nicht Beliebigkeit bedeutet – sondern die sorgfältige Befolgung der Versuchsanordnung und die Protokollierung der Ergebnisse. Preciados Körper wird zu materialisierten Fiktion, einer Utopie, Heterotopie, oder auch zu einer Pharmakofiktion. Eine Körper-Fiktion die sich nicht eindeutig in die Kategorien von Realität und Irrealität, oder Diskurs und Materie hineinzwängen lässt. Preciados transhumaner Körper wird mittels dieser Injektionen selbst zu einer lebendigen ästhetisch-chemischen Prothese, denn er verabreicht sich nicht nur das Hormon oder das Molekül, sondern ebenso die Idee, die Repräsentation dieses Hormons; also eine Reihe von Zeichen, Codes, und Diskursen – den gesamten Prozess, den ein Präparat durchläuft, vom Labor über die Apotheke in den Organismus und wieder hinaus.

Wenn wir also im toxischen Umfeld des Biokapitalismus widerständig sein wollen, müssen wir unsere eigenen Gifte und Gegengifte experimentell anmischen, andere materielle Autoritäten herstellen und unsere eigenen Haufen errichten. Ich glaube heute gerade in diesem Raum (und vor allem mit den Haufen die schon da sind) ist ein guter Rahmen dafür geschaffen worden, den wir nutzen sollten um diesen Apparat ins Laufen zu bringen. Vielen Dank!

Was ist Pharmakofiction? - Abstract auf Englisch

ein Vortrag im Rahmen von PHARMAKOS/N: EIN APPARAT
von Georg Dickmann


Hier geht's zum ganzen Vortrag auf Deutsch

From Leif Randt’s collective drugs in “Planet Magnon” (2015), Neill Blomkamp’s dystopian phantasmagoria on viral infections and immune responses in “District 9” (2009) to Dietmar Dath’s transgenic microorganisms in „The Abolition of Species“ (2008), contemporary science fiction is seething with genetically modified materials, barely visible, non-human agents and poisonous, precarious substances. We are constantly made aware that the ’pharmakeia’ in contemporary science fiction are not marginal, but minoritarian. They occupy a strategically important place and help to generate the fantastic worlds and subjects in which they circulate. They infect and control both singular and collective bodies and, in doing so, inevitably set the stage for far-reaching bio-political and, more important, pharmaco-political questions: How do potent and non-potent substances govern today’s bodies? How are poisons and remedies being used? What are their effects and side-effects that in turn constitute or devastate the world? What forces and opposing become mobilized?

The presentation’s launching pad is the inference that our bio-technological circumstances are reflected or impregnated in these and many other fictions of the future. Contemporary science fiction describes trans or even post-human bodies that no longer function as self-contained and fixed entities, but instead as sensitive and flexible codes with permeable borders, able to be programmed and reprogrammed through biotechnology and moreover pharmacology, and to which we can prescribe value.

As a result, literary, filmic and artistic expression takes on both a symptomatic as well as a diagnostic quality. As part of the social sphere – that is to say, as that, which Castoriadis classifies as the ”collective imaginary“ –, the aesthetic expression of this ”collective imaginary“ is not only representative, but can only be dealt with or rendered discursive through artistic means and anticipated or conceptualized with in the light of a still unknown future.

In this sense, the lecture attempts to trace two perspectives inherent to ”pharmakos.” The first perspective touches on the topoi of the bio-political. Particularly in light of Foucault, the question then arises as to how the governance of life is organized, produced and lead by precarious substances. The second perspective has a bearing on the field of fiction, imagination, and aesthetic practice. It asks how we respond to the bio-technological developments of the present and to the ensuing power effect through a different, poetic practice, that like an aesthetic anti-laboratory can serve to create matter and bodies. In the works of Paul B. Preciado – the Spanish philosopher and queer-theorist who connects pharmaco-political analysis with the practices of intoxicating himself with testosterone for one year –, these two perspectives become interwoven.


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PHARMAKOS/N: EIN APPARAT | Flyer | apparatus GbR
Flyer
 

1. September 2017, 20.30 Uhr

PHARMAKOS: OPENING
mit un, einer Lecture von Georg Dickmann, einem Fest und Musik

5. September 2017, 20.30 Uhr

Pharmakofiction von apparatus

7. September 2017, 20.30 Uhr

Elegie (I) von Anta Helena Recke und Julia*n Meding

12. September 2017, 20.30 Uhr

Pharmakofiction von Melanie Jame Wolf

14. September 2017, 20.30 Uhr

Elegie (II) von Hacklander\Hatam

20. September 2017, 20.30 Uhr

Pharmakofiction von Ariel Efraim Ashbel and friends

21. September 2017, 20.30 Uhr

Elegie (III) von Hysterisches Globusgefühl

28. September 2017, 20.30 Uhr

Elegie (IV) von Sara Mikolai & Tara Transitory

30. September 2017, 20.30 Uhr

PHARMAKON: THANKS-GIVING
mit den beteiligten Künstler*innen
und Somatopharmaka von Daniel Bernhard Cremer